Wolke 4 – Generation beziehungsunfähig?!

Wieso wir nicht mehr auf allen Gefühlswolken schweben

In einem Gespräch mit meiner Schwester, kam mir letztens die Frage auf, wieso wir uns häufig nach Intimität und Nähe einer Partnerschaft sehnen und dann sobald wir uns einige Wochen, Monate oder gar Jahre in einer Liebesbeziehung befinden, uns wieder sehnsüchtig diese Freiheit, das Neue und Unbekannte wünschen.

Manch einer tourt mit seiner Show „Generation beziehungsunfähig“ durch die Großstädte, andere schreiben Songtexte, die an Wolke 4 appelieren. Auch meine Schwester sagte mir:  „Wolke 4 tut mir gerade richtig gut, nach einer Wolke 7 Bruchlandung“. Was ist also dran? Ist Wolke 4, die neue Wolke 7? Und wann haben wir eigentlich angefangen uns der völligen Bandbreite and Gefühlswolken zu entziehen?

Lieber Wolke vier mit Dir als unten wieder ganz allein

Wolke 4 schallert seit mehr als einem Jahr durch die Radios und der bittere Beigeschmack, den er bei mir hinlerlässt, lässt mich diese Zeilen schreiben. Versteht mich nicht falsch, ich kann es total nachvollziehen, sich in einer „nicht-ganz-so-gefährlichen“ Beziehung hineinzuentspannen und zu wissen, dass es nicht so schlimm ist, wenn diese scheitert, solange wir uns noch nicht mit Haut und Haar auf diesen Menschen eingelassen haben. Und irgendwie ist es ja auch ganz nett nicht allein zu sein. Ich war damals radikaler, ich hatte mich jahrelang gar nicht mehr auf eine feste Liebesbeziehung eingelassen, nachdem meine erste Liebe mich absolut desillusioniert hatte. Ich war so jung und naiv und hatte mich emotional völlig weggegeben an diesen Mann. Es war wundervoll, denn nur so konnte ich lernen das Weggabe nichts mit Hingabe zu tun hat Trotzdem hatte es viele Jahre gedauert, bis ich zunächst mich selbst etwas mehr „gefunden“ hatte und meinen rationalen Verstand und mein „gebrochenes“ Herz wieder etwas miteinander versöhnen konnte.

Wieso lieben wir dosiert und haben Angst vor Wolke 7?

Lange Zeit hatte ich subtil oder offensichtlich potenzielle Liebespartner aus meinem Leben katapultiert, hauptsächlich aus Angst mich noch einmal völlig in dem anderen Menschen zu verlieren, mich so sehr auf einen Mann zu stützen und am Ende doch zu fallen, wenn dieser sich entscheidet, ohne mich weiter zu ziehen. Ziemlich genau sieben Jahre später konnte ich mich wieder zum ersten Mal auf jemanden einzulassen, der mein Herz ergriff und sich Schicht für Schicht nicht nur unter mein Shirt sondern in meine Seele schlich. Wie sagt man so schön, wir reißen uns in wenigen Augenblicken die Kleider vom Leib (das hatte ich in diesen 7 Jahren natürlich auch getan), aber vor dem absoluten Seelenstripteese schrecken wir zurück.

Willkommen auf Wolke 4 – Sicherheit vor Herzschmerz gibt’s hier!

Wir sind sicher aufgehoben auf Wolke vier: Wir gestalten unseren Alltag gemeinsam, treffen Abends Freunde, befriedigen unsere körperlichen Bedürfnisse miteinander und treten zusammen in der Öffentlichkeit und auf Familienfesten auf, vielleicht heiraten wir, bauen ein Haus und kriegen Kinder. Doch zeigen wir uns wirklich? Teilen wir unsere geheimsten Sehnsüchte miteinander? Verwirklichen wir gemeinsam unsere kühnsten Träume? Entdecken wir unsere höchsten Höhen und tiefsten Tiefen?

Die Angst davor sich seelisch komplett „nackt“ zu machen, hält uns hier, auf Wolke vier. Wir sind sicher, denn wenn wir mit angezogener Handbremse lieben, fahren wir zwar gemeinsam an der Oberfläche, aber dafür bleiben auch unsere tiefsten Sehnsüchte und gruseligsten Schattenanteile in den Tiefen unserer Psyche verborgen. Und manchmal merken wir es gar nicht, sind jahrelang in einer Beziehung und stellen uns still und heimlich irgendwann vielleicht doch die Frage: „Wars das jetzt schon, oder gibt’s da noch etwas mehr als Wolke 4?“ Wir sehnen uns dann vielleicht wieder nach einer Piekerfahrung in Form einer neuen Bekanntschaft oder gar einer Affaire, oder wir projektieren unsere gesamte Aufmerksamkeit und den Sinn unseres Lebens auf unsere Karriere als Mutter oder CEO. Wir akzeptieren unser Dasein hier, auf lovely Wolke 4 und flüchten uns in Tagträume und Fantasien hinein, desillusioniert von der „großen Liebe“ dem „Traummann“, der unser Herz in jeder Minute höher schlagen lassen könnte.

Der Alltag schleicht sich ein, wir verlieren im schlimmsten Fall unsere Wertschätzung für einander und trennen uns dann doch wieder irgendwann, oder leben Monate oder Jahre lang weiter miteinander in einer Beziehung ohne je wirklich miteinander in Beziehung zu treten.

Dieser Gedanke mit jemandem zu sein, der mich wirklich fördert und vor allem auf allen Ebenen fordert, mich komplementiert, mich konfrontiert und mich zu einem glücklicheren, ganzeren Menschen macht, ist und bleibt so beängstigend. Was würde denn zurück bleiben von mir, wenn er dann plötzlich nicht mehr an meiner Seite wäre? Es sei uns gegönnt, eine Pause der emotionalen Achterbahnfahrt zu machen.

Liebe vs. Freiheit

Anodea Judith schreibt in ihrem Buch Eastern Body Western Mind über unser postmodernes Dilemma. Menschen in Liebesbeziehungen sehnen sich häufig irgendwann nach dem aufregenden Abenteuer, dem Neuen und Unbekannten à la „Es gibt doch noch so viele andere tolle Körper und Seelen zu entdecken“. Langjährige Singles hingegen sehnen sich häufig nach der Sicherheit und Geborgenheit einer intimen Liebesbeziehung. Warum wollen wir immer das, was wir gerade nicht haben? Der Mensch ist ein komplexes Körper-Seele-Geist Wesen. Der Seelenanteil in uns sehnt sich vom ersten Augenblick auf dieser Welt wieder nach der Geborgenheit, Liebe und Nähe der Mutter, des Vaters oder irgendwann des Partners. Liebe ist das Prinzip der Verschmelzung und Integration, sie schenkt uns das Gefühl von Intimität und Sicherheit. Wenn wir lieben, fühlen wir uns glückseelig, offen, erweitert und erfüllt, und gleichzeitig haben wir Angst vor dieser Abhängigkeit.

Der Geist in uns hingegen sehnt sich unser ganzes Leben lang subtil oder offensichtlich nach Expansion, Freiheit und dem Neuen und Unbekannten. Dieser Teil in uns möchte sich stetig weiterentwickeln und treibt uns manchmal dazu zu glauben, wir könnten nur expandieren, wenn wir uns frei und ungebunden von anderen und unserer Umwelt machen.

Eros vs. Thanatos

Auch in unseren Liebesbeziehungen treffen diese beiden Prinzipien aufeinander. Eros gilt als Liebestrieb, der zunächst einmal dafür sorgt, das wir uns auf allen Ebenen zueinander hingezogen fühlen. Unser Herz geht auf, wenn unsere Liebe erwidert wird. Eros katapultiert uns auf Wolke Sieben. Die Welt ist schön, unser Herz tanzt, wir fühlen uns beflügelt und kriegen kaum unser Strahlen aus dem Gesicht. Wenn Eros am Start ist, sind wir meistens auch in allen anderen Beziehungen im Flow, alles scheint uns zu gelingen und selbst die größten Herausforderungen meistern wir mit Leichtigkeit, unsere Energie fliesst. Wir lernen uns selbst und unseren Partner mehr und mehr kennen, lieben unsere „kleinen Macken“ und sind so wohlwollend, einfühlsam und nachsichtig miteinander. Doch was wäre Eros ohne Thanatos? Früher oder später flacht diese Energie wieder ab, wir sehen uns nicht mehr so idealisiert durch unsere rosarote Brille, sondern fangen an realistischer die Eigenarten, Ängste und Schatten unseres Partners zu erkennen.

„Wie wir die großen Tage unter kleinen Dingen begraben

Thanatos, der „Todestrieb“ tritt in Erscheinung, eine Energie die alles wieder auseinander driften lässt. Unser Partner ist nicht mehr der aufmerksame Prinz Charming, unsere Partnerin motiert von der Prinzessin zur Göre auf der Erbse. Wir fühlen uns gelangweilt, genervt, abgestoßen und manchmal gar enttäuscht und desillusioniert, nörgeln aneinander rum, weil wir unsere Erwartungen aneinander nicht mehr erfüllen können oder wollen. Wir schmettern uns gegenseitig Vorwürfe an den Kopf oder spiegeln einander unsere eigenen, dunkelsten Schattenseiten, die wir so gerne unter den Teppich kehren und verdrängen würden. Je nachdem wie lang unser Atem ist, bzw. wie reflektiert und einsichtig wir sind, fallen wir von der Traufe in den Regen, beißen in den bitteren Apfel der Erkenntnis über unsere eigenen noch nicht integrierten Wesensanteile und katapultieren uns so gegenseitig aus dem Paradies direkt auf den harten Boden der Tatsachen zurück…

„…was am Ende dann mein Leben und mein kleines Herz zerbombt“

Auch ich bin ausgebrochen, aus meiner bis daher tiefsten, schönsten und zugleich gnadenlos-ehrlichsten Liebesbeziehung, selbst übermannt von Thanatos und dem Wunsch nach Freiheit. Doch dieser Ausbruch ähnlich wie der eines Vulkans war nicht nur zerstörend, sondern absolut unumgänglich und heilend zugleich. Mit etwas Abstand und einigen Umwegen konnte ich erkennen, dass ich nicht vor meinem Freund davongelaufen war, sondern vor mir selbst, vor meiner Angst mich wirklich einzulassen und zuzulassen, dass da jemand all diese für mich unsichtbaren Wesensanteile von mir sichtbar macht. Mein Ego hatte zwar versucht diese gescheiterte Liebesbeziehung mit allen Tricks runter zu reden, doch mit der Zeit war da nur noch dieses traurige Gefühl übrig, den wunderbarsten Menschen, der mich, so liebte wie ich eben war – seelisch nackt und makelhaft – verloren zu haben.

„Sie bemerken, dass das Fallen zum Schweben wird, wenn man aufhört sich an Dingen festzukrallen.“  -Käptn Peng

Einige Monate später als wir uns mit etwas Abstand zum ersten Mal wieder begegneten, durchflutete mich Eros wieder. An diesem Tag tanzten wir miteinander, unsere Körper und Herzen flossen wie nie zuvor und katapultierten uns wieder Monat für Monat, Wolke für Wolke zurück auf Wolke 7.

Aber etwas war dieses Mal anders. Wir hatten aufgehört uns zu idealisieren, sahen uns mehr wie wir in jedem Moment wirklich waren. Wir wussten, wir würden den nächstes Absturz von Wolke 7 überleben, denn wir hatten beide ein bisschen mehr Verantwortung für unser eigenes Herz und unser Glück übernommen. Wir hatten plötzlich den Hauch einer Ahnung davon, dass Wolke 7 genauso wenig wie das Paradies kein Ort, sondern ein Bewusstseinszustand war, und das dieser Tanz zwischen Eros und Thanatos im Grunde das kosmische Spiel des Lebens wiederspiegelt, das alles entstehen und vergehen und wieder entstehen lässt. Je mehr ich mit meinem Herzen verbunden bin, mich selbst liebe, meine komischen Eigenarten, Ängste und Zweifel annehme, und in das Leben und mein Innerstes vertraue, in jeden Augenblick, hinein entspanne und JA sage, zu mir, zu ihm, zum Leben, umso mehr fühle ich mich von diesem Ganzen, was uns umgibt, umhüllt und miteinander verbindet, getragen. Umso mehr kann ich mich in jedem Augenblick wirklich zeigen, wahrhaftig sein mit mir und meinen Mitmenschen und diese Achterbahnfahrt der Gefühlswolken sogar genießen, denn…

„Auch das geht vorbei!“ -Domian

Es ist nicht diese ewige Dauerhaftigkeit auf Wolke 4 oder Wolke 7, die uns so erfüllt. Es ist der Weg, den wir gemeinsam bestreiten, von unseren tiefsten Tiefen, zu unseren höchsten Höhen der unsere Beziehungen so reich und erfüllt macht. Je tiefer wir gemeinsam fallen und je höher wir wieder zusammen fliegen, umso mehr Weg liegt dazwischen, den wir gemeinsam gehen können. Umso mehr Erfahrung, Erkenntnis und Entwicklung liegt auf diesem Weg, wenn wir uns nur trauen.

Enjoy the process!

2 Kommentare

  1. Dein Beitrag gefällt mir sehr , Ela . Sicher kennst du das Buch von Osho „ Sieben Himmel, sieben Höllen – Liebe leben im Alltag“ ? Wenn nicht , leihe ich es dir gerne aus . Ich finde , er hat das Thema auch sehr gut vertieft.

    • Lieber Jan!
      Vielen Dank für dein Feedbac Das Buch klingt super spannend und sehr brisant. Bei Gelegenheit würd ich es mir gerne leihen! Alles Liebe und bis bald

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