Warum auch Yogis einen Schatten haben – Über Om Shanti und heilige Scheiße

Sitzt du manchmal auch bei deiner Lieblingsyogalehrerin in der Yogastunde und bist fasziniert von dieser friedvollen und entspannten Art, die sie mit allem was sie sagt und tut verkörpert? In deinen Vorstellungen hälst du sie für einen allwissenden Supermenschen? Du stellst dir vor, sie morgens stundenlang Yoga praktiziert und meditiert, ehe sie ihren Green-Smoothie genüsslich im Lotussitz vor sich hin schlürft. Dabei rezitiert sie lebensbejahende Affirmationen, bis sie sich auf die Herzfrequenz eingeschwunden hat. Auf ihrem Einhorn reitet sie dann zum Yogastudio, um ihr Licht in die Welt zu tragen. Nebenbei ist sie vielleicht noch Supermutti, schreibt für ein Yogamagazin oder besser gleich an ihrer Autobiographie und hat diesen mindestens genauso perfekten Yogi-Ehemann an ihrer Seite. Hatte ich schon erwähnt, dass sie in diesem märchenhaften Schloss wohnt? Wenn du zu dieser Idealisierung neigst und diese wünschenswerten Wirklichkeiten hinterfragen willst, dann ließ weiter.

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten!

Wenn wir an Yoga und vor allem die Repräsentanten dieser uralten indischen Lehre denken, denken wir erst einmal an diese Bilderbuch Menschen oder direkt an friedvolle Krieger des Lichts. Aber sind Yogis wirklich immer nur om-shanti-mäßig Licht und Liebe? Keine Frage, dieser unberührte Kern in uns, diese Essenz die alles miteinander verbindet, ist rein, pures Licht und pure Liebe. Aber neben dieser Göttlichkeit, die allen Menschen innewohnt, sind wir eben auch hier und jetzt gerade mit all unseren Makeln einfach auch Mensch. Das gilt sowohl für uns selbst als auch für diese wunderbaren Yogis und (spirituellen) Lehrer da draußen, die wir so vergöttern und auf ein Podest oder den Altar stellen. Versteh mich nicht falsch. Dem ist nichts entgegenzusetzen, denn der Lehrer hat für seinen Schüler eine wichtige Aufgabe: ihm Licht bzw. Bewusstheit durch seine Lehre und vor allem durch sein Sein zu spiegeln, damit der Schüler mehr und mehr sein eigenes Licht in sich entdeckt. Daher darf man diese besonderen Menschen, die uns inspirieren und uns den Weg weisen auch verehren. Dennoch neigen wir häufig dazu, zu glauben unsere Lehrer hätten nur diese heilige Seite.

When we see only one side or one aspect of our teachers, like the God aspect or the happy, joyful teacher, and not the vulnerable human side, we fill in the blank of what we don’t see with the idea that they’re always that peaceful, joyful, and so on. The absence of displayed vulnerability is often translated into the silent subconscious idea that we, too, should be like that. – Tehya Sky

Om Shanti vs. Heilige Scheiße

Indem wir unsere Lehrer nur in ihrem besten Licht sehen, fangen wir schnell an sie zu idealisieren und zu glauben sie wären immer Liebe und Frieden. Vielleicht fangen wir sogar insgeheim an zu glauben, dass wir selbst durch Disziplin und beharrliche Übung unser Ego und daher unser Menschsein bis in alle Ewigkeit transzendieren können. An diesem hohen Ideal des perfekten Übermenschen ohne Ecken und Kanten müssen wir früher oder später scheitern. Denn je mehr wir uns selbst von unserer menschlichen Verwundbarkeit und unseren Schattenseiten distanzieren wollen, umso mehr kontrollieren sie uns.

By choosing to view any part of ourselves or our lives as not sacred, we only magnify the feeling of separation within us. – Tehya Sky

Yoga bedeutet Verbindung, Einheit und Eins-Sein mit allem was ist. Solange wir unser Menschsein mit unseren Ängsten, Zweifeln, Unsicherheiten und Ausrastern nicht annehmen, vergrößern wir diese Kluft zwischen unserem idealisierten Selbst und der Wirklichkeit. Auch die Meister des positiven Denkens können auf den subtileren Ebenen ihre Schatten nicht wegrationalisieren. Das Einzige was wirklich hilft, ist, sie als das was sie sind anzuerkennen, denn selbst die größte Scheiße in uns ist heilige Scheiße.

No Mud? No Lotus!

Wie eine Lotusblume aus den tiefsten Tiefen des Schlamms entspringt, so gibt es auch für uns keinen anderen Weg als durch unsere Dunkelheit hindurch zu gehen. Dazu gehört sie zunächst einmal sehen, fühlen und da sein zu lassen. Uns von dieser Illusion der Perfektheit zu verabschieden und uns selbst so zu sehen, wie wir in jedem Augenblick gerade sind. Das Leben als größter Guru schenkt uns mit allem was uns widerfährt die Möglichkeit mehr über uns selbst zu erfahren. Je mehr wir lernen jeden neuen Augenblick mit allen was er mit sich bringt anzunehmen, und dazu gehört auch unsere „unyogischen“ Aspekte SEIN zu lassen, umso mehr tauchen wir in diesen ewigen Prozess des Erwachens ein. Jede Herausforderung, jede Krankheit, jeder Schmerz zeigt uns, wer wir gerade sind, aber auch wer wir sein und wie wir leben wollen. Je mehr es uns gelingt, jeden Augenblick mit dieser wertfreien Aufmerksamkeit zu erleben, umso mehr erkennen wir, wie wir uns selbst, durch das was wir denken, gefangen halten und genauso befreien können.

Alles ist Om

Auch wenn es aus unserer menschlichen Perspektive so unglaublich erscheint, weil wir das große Bild nicht sehen können, das Göttliche ist in allem was ist. Das Göttliche ist das Leben selbst, das sich auf so kreative und destruktive Art und Weise in jedem Augenblick offenbart. Wir leben in dieser Welt der Gegensätze, weil sie uns erlaubt uns in ihr zu verlieren und wieder zu finden. Nur in dieser Polarität erkennen wir uns selbst. In ihr finden wir diese kleinen Momente, die uns die Gegensätze von Licht und Dunkelheit transzendieren lassen. Egal woran du glaubst, welcher Tradition, Religion oder welchem Guru du folgst oder nicht folgst, egal wie oft du in der Messe oder auf dem Boom Festival warst, jeder von uns ist Teil dieser unendlichen Geschichte namens Leben und daher genau so heilig, verbunden und göttlich wie der spirituellste Guruji.

Realität ist eine Sache der Wahrnehmung und Wahrnehmung eine Sache der Perspektive!

Der Unterschied zwischen einem Leben voller Licht und einem Leben voller Probleme ist schlichtweg unsere Sichtweise. In unserer individuellen Perspektive sehen wir Probleme, während wir aus unserer universellen Perspektive Möglichkeiten zur Entwicklung sehen. Verankert in dieser universellen Perspektive, wissen wir das wir ewige Wesen sind. Daher gibt es so etwas wie Perfektion nicht, denn Perfektion würde bedeuten, wir wären bereits fertig. Das Leben kennt daher auch keine Fehler, denn es selbst ist dieser ewiger kreative Schöpfungsprozess, der niemals endet. Vom ersten Augenblick unseres Lebens, bis zum letzten Atemzug lernen wir, expandieren wir unser Bewusstsein, unsere Fähigkeiten, unser Wissen und die Fähigkeit zu lieben. Bestimmt gibt es auf diesem Weg gefühlte Rückschritte, aber auch diese lassen uns am Ende doch tiefer in unser eigenes Sein tauchen. Sind es nicht häufig die krassesten Schicksalsschläge, eine Krankheit, ein Autounfall, der Verlust eines geliebten Menschen oder eine Trennung, aus denen wir am meisten über uns lernen und über uns selbst hinaus wachsen?

Hot, hip and holy – Heilige Yogis in schnellen Schlitten mit heißen Schnitten?!

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Einige Yogis und spirituellen Lehrer haben trotz ihres Menschseins diese universelle Perspektive durch Achtsamkeit und Fokus mehr und mehr verinnerlicht. Sie teilen ihr Licht durch ihre Lehre und ihr Wirken. Trotzdem bleiben sie zeitgleich auch Mensch, lieben vielleicht schnelle Autos und/oder schöne Frauen. Manchmal tendieren wir dazu unsere liebsten Gurus und vor allem uns selbst zu verurteilen, gerade wenn sie bzw. wir mal nicht yogisch unterwegs sind und Ideal und Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Was kann man also tun? Zunächst einmal erkennen, dass sich diese beiden Perspektiven nicht ausschließen. Dass unser Menschsein, mit der gesamten Bandbreite an Gefühlen, genauso heilig ist und da sein darf. Die Kunst besteht einfach darin, alles in die rechte Perspektive zu rücken. Sich mit dieser universellen Essenz zu verbinden und sich in ihr zu verankern und gleichzeitig nicht frustriert darüber zu sein, wenn unser Ego uns aus diesem Gefühl der Einheit wieder raus katapultiert. Schließlich sind wir jedes mal nur einen Atemzug bzw. einen Perspektivenwechsel vom Paradies entfernt. Diese inspirierenden Yogis und (spirituellen) Lehrer da draußen, die die meiste Zeit in sich ruhen, haben ihr Menschsein und ihr Ego bereits etwas mehr in Herz geschlossen und gelernt, dass dieser regelmäßige Rausschmiss aus dem Paradies genau so wie das Wiedereintauchen das kosmische Spiel des Lebens ausmacht.

Enjoy the ride!

Eure Ela

Pssst: Zwei meiner größten Inspirationen in letzter Zeit sind Nessi und Sky. Viel Spaß beim entdecken.

Nessi Gomes – Diamonds und Demons

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Tehya Sky – A Ceremony called Life

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2 Kommentare

  1. Liebe Ela , dein Blog ist wunderbar …. und es tut gut , deine Gedanken zu lesen .

    Lieben heißt vielleicht … das Licht und den Schatten deines Gegenübers nicht voneinander getrennt zu sehen , sondern den wundervollen Menschen in seiner Vollkommenheit so wie er ist zu erkennen … egal ob om shanti oder nicht. Er ist liebenswert

    • Lieber Jan! Schön wie du es formulierst. Du hast vollkommen recht, wahrlich zu lieben bedeutet total zu lieben, mit allen Ecken und Kanten und irgendwann vielleicht gar nicht mehr in dieser Polarität zu differenzieren, sondern zu sehen und vor allem zu fühlen, dass unser Schatten unser größtes Licht enthält, sobald wir ihn in uns UND im anderen annehmen.

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