Dirty Shadows III – Yoga of the Head vs. Yoga of the Heart

Sein oder Werden? Das ist hier die Frage!

Als ich das aller erste Mal in einer Yogaklasse in Puerto Escondido in Mexico landete, wusste ich noch nicht, dass dieser Ort und die Erfahrungen, die ich dort machen würde, mein ganzes Leben verändern würde. Ohne irgendeine Vorstellung worauf ich mich da einließ, fand ich mich in dieser schweißtreibenden Vinyasa Yogastunde wieder und versuchte ohne ein Wort Spanish zu sprechen diese ungewöhnlichen Formen, die diese kleine Mexikanerin mit ihrem Körper machte, nachzuahmen. Völlig fertig und schweißgebadet legte ich mich dann in Shavasana, Endentspannung und tauchte so tief ab, dass ich fast vergaß, wo und wer ich war. Als sie das OM sang, kam ich zurück und war total berührt, weil ich das erste Mal seit einer sehr langen Zeit mir selbst erlaubt hatte zu entspannen und loszulassen. Loszulassen von diesem Gefühl noch was tun zu müssen, loszulassen vom Glauben noch nicht genug zu sein, loszulassen von all den Erwartungen, wie ich zu sein hatte.

Denn je älter ich wurde, umso mehr war ich getrieben und umgeben vom Werden-Wollen und Karriere-Machen. Ich wusste plötzlich, dass es einen Zugang zu dieser inneren Kraftquelle gab, die völlig unabhängig von allem um mich herum existierte und die mir direkt dieses Gefühl von Verbundenheit gab, das ich nicht mehr missen wollte. Mir war klar, dass ich diese Verbundenheit ausbauen wollte. Nur wie?

Energie folgt der Aufmerksamkeit

Zurück in Deutschland blickte ich in die vielen teilweise leblosen Gesichter meiner Kommilitonen. Einige wollten möglichst schnell ihren Master Abschluss machen, einen lückenlosen Lebenslauf voller Praktika und Qualifikationen abliefern, um WAS zu werden! Aber was eigentlich? PR Bosse? Marketing Experten? RTL Moderator? Um das große Geld zu machen, oder um vor der Kamera zu stehen, um von Millionen gesehen zu werden? Wir, als diese Social Media Generation, schreien so sehr nach Aufmerksamkeit. Wir zeigen uns in den krassesten Situationen, am besten halb nackt am Rande des Abgrunds, packen einen Filter über diesen vielleicht sogar inszenierten Momentausschnitt und freuen uns auf die likes & loves, und comments und neuen Follower. Aber was wollen wir damit wirklich sagen? Etwa:

„Hallo, hier bin ich, das bin ich, sieh mich, schau was ich kann, bewundere mich, liebe mich, denn ich selbst kann das nicht?!“

Unsere Aufmerksamkeit geht ständig nach Außen, wir schauen auf die Formen, die andere einnehmen, was für eine Figur sie in ihrem neusten Post oder beim Business Meeting machen. Kein Wunder, dass da keine Aufmerksamkeit übrig bleibt, die wir nach Innen richten. Kein Wunder das wir uns leer fühlen, wenn wir uns selbst auf die Form, auf unsere körperliche Hülle und auf das was wir tun reduzieren. Dann müssen wir uns eben anderweitig füllen, mit Sex, Drugs und Rock’n Roll, mit dem Schokokuchen, der Kippe, dem Drink, oder mit dem Feedback unserer Mitmenschen. Ich konnte mich in keinster Weise davon frei machen, auch ich wollte gefallen, schön, schlank, klug, witzig sein und bewundert werden. Manchmal sogar um jeden Preis. Aber diese Art der Erfüllung nährte mich nicht wirklich, wie ein Faß ohne Boden schien nichts mich wirklich und wahrlich erfüllen zu können. Ich wusste, das da noch mehr war…

…Am Anfang schien Yoga da für mich die Rettung zu sein. Raus aus dem Hamsterrad, aus der Leistungsgesellschaft und dem ewigen Werden Wollen, endlich hinein in den kaum greifbaren Augenblick, in dem ich mich nur auf mich konzentrierte und mir selbst die Aufmerksamkeit schenkte, die ich zuvor von meinem Umfeld ersehnt hatte.

Ein echter Balsam für die Seele, als mir plötzlich bewusst wurde, das diese innere Welt tief verwoben war mit der äußeren Welt der Erscheinungen und die Welt ein Spiegel meiner Selbst war. Je besser ich mich innerlich fühlte, umso besser lief mein Leben. Je mehr ich begann mich zu lieben, umso liebevollere Beziehungen traten in mein Leben. Das ging eine Weile so weiter, doch irgendwann kam der Reality-Check. Je tiefer ich tauchte, umso mehr kam ich doch wieder an meine eigenen Themen der Unzulänglichkeit, des Mangels und des Noch-Nicht-Genug-Seins. Genau in dem Moment erkannte ich auch wie umgekehrt meine inneren Dramen, Glaubenssätze und Konditionierungen meine tiefsten Beziehungen zu mir, meinen Liebsten und der Welt bestimmten.

Je tiefer ich schaute, umso mehr Scheiße kam da plötzlich mit an die Oberfläche meines Bewusstseins.

Zum einen entdeckte ich da eine Menge Emotionen, die ich mir nie erlaubt hatte zu fühlen. OM-SHANTI-mäßig dachte ich mir

„Ich habe diese Gefühle, aber ich bin sie nicht! Es ist mein Schmerzkörper der leidet, nicht ich!“

Ich übte mich in der Desidentifikation. Denn schließlich sprach auch Patanjali in den Yogasutren vom:

„Zur Ruhe kommen der seelischen und geistigen Vorgänge“.

Ich dachte es wäre yogisch seine Gedanken und Gefühle zu kontrollieren. Gewitzt wie mein Verstand war, kam ich mir erhaben vor, hatte also eine Strategie gefunden „über den Dingen zu stehen“. Doch immer wieder gerade in den intimsten Beziehungen zu meiner Familie, meinem Freund und meinen besten Freundinnen kamen meine Schatten plötzlich ungebremst an die Oberfläche. Ich warf mit Sand oder anderen Gegenständen nach Leuten, knallte Türen, schrie und brach in Tränen aus. „Das ist aber nicht yogisch, Ela“, durfte ich mir ständig anhören. -„Scheiße, ist es auch nicht“ dachte ich mir, aber es war echt und musste raus. Zu lange, hatte ich Gefühle unterdrückt, weil sie nicht in mein yogisch erhabenes Selbstbild passten. Zulange hatte ich Gedanken nicht ausgesprochen, weil sie meine Verletzlichkeit offenbart hätten. Und so sah ich mich plötzlich konfrontiert mit meiner eigenen SCHEINHEILIGKEIT.

Das Ziel ist im Weg!

Und dann war da noch was. Ich entdeckte auch in meiner Yogapraxis diese Muster des Werden-Wollens und des Noch-Nicht-Gut-Genug-Seins. Warum sollte mich das auch wundern, denn Yoga selbst wird von uns Westlern instrumentalisiert! Es ist gerade trendy zur spirituellen Elite zu gehören, die im Handstand Green Smoothie trinkend und „Spiritual Gangster“ mäßig Licht und Liebe in die Welt zu tragen versucht. Dazu gehört die permanente Selbstoptimierung und die unzähligen Teachertrainings und Workshops bei den hottesten, hippsten und holysten Yogis dieses Planeten. Wozu? Um Yoga zu institutionalisieren? Ihm ein Label zu verpassen und einen exklusiven Hype/Tribe daraus zu machen? Hier geht’s nicht um Integration, sondern um Separation und das hat ganz offensichtlich nichts mehr mit Yoga zu tun.

„Yoga is the intimate relationship with oneself.“ – Mark Whitwell

Aber zum Glück war die Tradition in der ich Yoga lernte und lehre stark verbunden zu den ursprünglichen Wurzeln, und so kam Mark Whitwell’s HEART OF YOGA in mein Leben.

Vor ein paar Jahren kam mir sein Buch „The Promise“ und ein paar Monate später sein Buch „Heart of Yoga“ in die Hände. Ich began meine eigene Praxis zu überdenken. Zu sehr hatte ich meinen Körper in den letzten Jahren instrumentalisiert, ihn in Formen gepresst, oder durch intensive Adjustments hinein pressen lassen. Durch Mark veränderte sich mein Yoga, ich wurde sanfter mit mir, lauschte meinem Atem wieder mehr und brachte die grundlegendsten Prinzipien des Atems nach Krishnamacharya in meine Praxis. Ich lernte, dass es der Atem war, der die physischen fließenden Bewegungen (Vinyasas) einleitete und umhüllte, und mir in jedem Augenblick direktes Feedback darüber gab, ob ich zu weit gegangen war.

The Heart of Yoga

Im Oktober saß ich dann selbst im Heart of Yoga Teachertraining bei Mark Whitwell in Mainz. Mark als Schüler von Desikachar und U.G. Krishnamurti, war dabei nicht nur super interessant, sondern gleichzeitig unglaublich interessiert und zwar an allen seinen Schülern. Mühelos wendete er die Komplexität seiner Lehre auf unsere Lebenssituationen an und gab jedem von uns damit genau das, was wir gerade hören mussten. Vor allem seine Interpretation des 2. Yogasutras lässt mich vieles was ich für universelle Yogawahrheit hielt überdenken:

„Yogah chitta vritti nirodha“

Das zweite Yogasutra des Patanjali, als Leitfaden des Yoga wird von den meisten Yogis übersetzt als: „Das zur Ruhe kommen der seelischen und geistigen Vorgänge“. Sprich: „Denke nicht!“ Aber das NICHT DENKEN, liegt uns einfach nicht. Zumindest ist mein Geist viel zu aktiv, um einfach nicht zu denken. Da kam mir die Übersetzung von Desikachar, dem Schüler und Sohn von Krishnamacharya (Begründer des modernen Vinyasa Yoga), total gelegen:

„Yoga is to focus all the activities of the mind on a choicen constructive direction.“ 

Mark beschreibt es ähnlich in einem Interview mit der Yogaworld 2009:

Krishnamacharya übersetzt Nirodha mit „Wahl“, aber über hundert andere Wissenschaftler setzten den Begriff mit „Beschränkung“ gleich. Der „Lehrer unserer Lehrer“ betont die Wahl bzw. Entscheidung, die Gedanken in eine kontinuierliche Richtung zu bringen. Nicht einen Kampf, der uns Bedürfnisse unterdrücken lässt. (Auszug aus einem Interview mit Mark Whitwell)

„Yoga makes you feel BETTER and it makes you FEEL better.“ – Mark Whitwell

Unser Yoga ist dazu da, um uns BESSER zu fühlen und um (uns) besser zu FÜHLEN. Je mehr wir durch unseren Atem und durch unsere Yogapraxis in Beziehung zu uns selbst treten, umso feinfühliger werden wir für all das, was subtil in uns vorgeht und unser Leben und Erleben bestimmt. Wir können Gefühle nicht übergehen, nur weil wir sie gerade nicht fühlen wollen. Wir können uns zwar Eckardt Tolle mäßig durch Meditation für kurze Zeit vom „Schmerzkörper“ und unseren emotionalen Dramen lösen, um durchzuatmen. Um alle angestauten nicht gefühlten Emotionen wirklich zu transformieren, müssen wir uns aber die Erlaubnis geben, sie wahrzunehmen, sie da sein zu lassen, sie zu fühlen, wenn wir dazu bereit sind.

Whatever you resist, persists! Whenever you let go, everything starts to flow.

Je mehr wir all die verschiedenen emotionalen Facetten liebevoll annehmen, ihnen den Raum geben, den sie brauchen, sie vielleicht sogar kommunizieren und ihnen Ausdruck verleihen, umso mehr integrieren wir sie. In dem Moment, wo wir aufhören gegen uns selbst, unsere Gefühle und Gedanken zu arbeiten, ist da plötzlich Energie, die wir in ihre Transformation richten können. Manchmal bedarf es da einfach nur ein bisschen Zeit.

It’s not so much about evolving yourself, it’s more about getting involved with life itself.

Je mehr ich Yoga übe, umso mehr spüre ich, wie ich diese Praxis auf mein ganzen Leben und all meine Beziehungen ausweiten und anwenden kann. Ich spüre, dass es mein natürlicher Atem ist, der mir in jedem Augenblick meines Lebens direktes Feedback gibt, ob ich genau richtig oder vielleicht doch zu weit gegangen bin. Mir wird klar, das jede Stresssituation, jede Auseinandersetzung, jede Krankheit jedes aus der inneren Mitte fallen, eine Chance ist, wieder etwas mehr über mich zu lernen und mir die Gelegenheit gibt besser hinzuschauen, um einen bisher vielleicht ungewollten Anteil von mir zu integrieren. Vor allem zeigt Yoga mir das wahre Verbundenheit zur Welt nur durch die innere Verbundenheit zu mir selbst und all meinen Wesensanteilen entsteht.

In dieser inneren Zentrierung wird mir auf einmal bewusst, dass unsere Essenz in allem um uns herum innewohnt. Und dann geht’s plötzlich gar nicht mehr darum einen Handstand zu meistern oder ein nach Außen erfolgreiches und perfektes Leben zu leben. Plötzlich wird mir klar, dass es gar nichts mehr zu erreichen gibt, und es viel mehr darum geht das Mysterium des Lebens in den kleinen scheinbar unbedeutenden Momenten wieder wahrzunehmen, wie früher als Kind in dieses Wunder hinein zu entspannen, um von Augenblick zu Augenblick mit allen Sinnen DA zu sein, wo wir eben gerade sind, verbunden als Teil von diesem großen Ganzen, das wir Leben nennen.

Was ist Yoga für dich? Was macht es mit dir? Freue mich über deinen Kommentar und deine Perspektive.

ENJOY

Ela

PS: Am 04.03.2018 haben wir in der Yogabar Ost in Bochum den ersten auf Spendenbasis beruhenden Bhakti Slam. Freu mich total darauf euch ein bisschen über die soziale Beschleunigung zu erzählen und wie wir diesem Gefühl keine Zeit zu haben entgegenwirken können.

 

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